Taktlos Musiklesebuch

Hans Ruprecht

Trente auteurs contemporains de langue allemande évoquent dans ce livre leur rapport à la musique actuelle, et jettent ainsi un éclairage sur leur propre travail littéraire. Dans l'anthologie Taktlos, écoute et lecture se mêlent et s'enrichissent l'une l'autre. Comme le souligne Michel Mettler dans sa contribution: la vraie musique se niche dans les sons secondaires et les bruits corollaires, et «celui qui l'écoute entend d'une façon plus riche, plus ronde, plus prête à bondir».

Critique

par Beat Mazenauer

Publié le 14/03/2008

Literatur und Musik – das ist Unterschiedliches vom Gleichen. Mit einem Satz von Jürg Halter: «Zuweilen ist der Sinn der Klang selbst: Ach!»

Musik und Literatur verstehen sich also – manchmal auch nicht. Denn wo das Wort zur Bedeutung strebt, weigert sich der Klang, exakte Bedeutung zu signalisieren. Andererseits, erzählt Peter Weber in seinem Text «Interstellar Overdrive», werden Musik und Sprache im selben Hirnareal organisiert: «Sinn wird aus Klang geboren, Sprache hat dieselbe Verarbeitungsstelle wie Musik», sagt sein Nachbar, der Hirnforscher: «Das menschliche Gehirn ist ein urmusikalisches Organ». Ob diesem Gedanken ein Wunsch des Autors zugrunde liegt, ist angesichts von Webers poetischem Spiel nicht restlos zu klären. Er zitiert eine Reihe von Koryphäen, allesamt Nachbarn, die ihm Gedanken einflüstern, deren Gehalt auffällig der eignen poetischen Auffassung entspricht, die zwischen Klang und Sinn oszilliert.

Michel Mettler hilft dem Verständnis auf die Sprünge, indem er die Aufmerksamkeit aufs Nebenher und Zwischendurch lenkt. «Wer mit dem Bogen einen Ton auf grösseren Streichinstrumenten spielt, ruft zugleich vielerlei Nebenlaute hervor, kleine Beigeräusche der Bespannung am Griffbrett, das leise Schleifen des Bogenhaars auf den Saiten, das Scheuern des Instrumentholzes am Hosenbein, ein Knarren am Steg, die schnarrenden Laute drahtumwickelter, eng am Griffbrett anliegender Basssaiten». Dies alles ist Teil der Musik. Und ähnlich verhält es sich in der Literatur.

Weber und Mettler sind bekannt für die Musikalität in ihren Texten: sprachlich und thematisch. Sie stehen freilich nicht allein damit. Gemeinsam mit Bodo Hell und Anton Bruhin haben sie sich zum Quartett «Singende Eisen» formiert, das Texte mit Musik verbindet und auf der Bühne vorträgt. Im Wechselspiel von Lesung und Spiel, von Solos und chorischen Passagen ergänzen sich dabei mächtige Worte und brummende Maultrommelklänge zu einem Prospekt von «sonoren Phänomenen». Im Taktlos-Buch sind alle vier präsent, Bruhin mit musikalischen Palindromen («Elegiegegeigele»), Hell mit einem «Katarakt» aus Worten auf die Endung -tion.

Ihnen zur Seite stehen weitere Autorinnen und Autoren, die auf je eigene Weise ihre Zugänge zu moderner Musik beschreiben und Schlaglichter auf das je eigene literarische Schaffen werfen: Reflexionen und Experimente, Erinnerungen und Analysen. Peter Bichsel, Jörg Steiner, Reto Hänny, Elfriede Jelinek oder Jürg Laederach erinnern sich an lebenswichtige Hörerlebnisse, Birgit Kempker wandelt alte Schätze der Troubadour-Lyrik poetisch ab («Trou ba dort 1-24»), Judith Hermann erzählt kleine Anekdoten der musikalischen Sozialisation, Thomas Meinecke seziert auf für ihn typsiche Weise ein Stück Popkultur, oder Thomas Kapielski schildert in Worten und auf dem Titelcover, wie er sich selbst musikalisch in die Modernität katapultierte: «Ich hatte schon zu Schulzeiten Musik betrieben, stockhäusliche Tonbandfummeleien, übersteuerte Gitarre, verblasene Harmonika, das Abtasten der Tasten.»

Das schön aufgemachte Taktlos-Musiklesebuch ist ein kleines Who is who der aktuellen deutschsprachigen Literatur, das ergänzt wird von musikalischen Notationen zeitgenössischer Komponisten, die den Sprachteil bildlich bereichern. Entstanden ist die Anthologie aus der Konzertserie «Taktlos Bern», die seit drei Jahrzehnten «Musik zwischen Konzert und Installation, Improvisation und Komposition, zwischen Club und Labor, Filmsoundtrack und bildender Kunst» veranstaltet. Diese Erweiterung der Formenpalette will auch das daraus entstandene Lesebuch bezeugen.

Hören und Lesen vermischen sich und bereichern sich gegenseitig – wie Michel Mettler schreibt: wer auf die Nebenlaute und Beigeräusche, «hört reicher, runder, sprungbereiter».