Mein Studium ferner Welten

Alex Capus

Es ist eine präzis gezeichnete Comédie humaine, die Alex Capus in einem Reigen raffiniert ineinander verwobener Geschichten präsentiert. Im Zentrum steht Max Mohn, der widerwillig Karriere beim Fernsehen macht. Da ist aber auch seine Ehefrau Ingrid, in die er schon als Dreizehnjähriger verliebt war und die er dennoch verlieren wird; der dauerschlafende Grossvater, der sich aus Trotz und Geiz zu sterben weigert; Johnny Türler, der gescheiterte Abenteurer, der in der väterlichen Konditorei Pralinen verkauft; Kellner René, der im leeren Bahnhofrestaurant ausharrt und in einem karierten Schulheft ein Archiv menschlichen Leidens führt. Die Bühne ist eine ganz gewöhnliche Kleinstadt, in der jeder Akteur den anderen kennt, in der man sich liebt und haßt und lebenslang nicht voneinander loskommt. Da gibt es zornige Mädchen, fitnesswütige Seniorinnen, Sektierer und Anpasser, Selbstmörder, Schurken und Schwätzer, Schelme, Säufer und landlose Bauern. Alex Capus erzählt von den harmlosen und den schlimmen Querschüssen des Lebens, von den Launen und den Hakenschlägen des Glücks, mit gerechtem Zorn und ebensoviel Witz.

Die Bestehung der alltäglichen Abenteuer

par Beat Mazenauer

Publié le 29/04/2002

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Fremde liegt so nah. Nach diesem Motto hat sich der Lokaljournalist Max Mohn bislang famos darum herumgedrückt, den provinziellen Nabel seiner Welt verlassen zu müssen. Mohn fühlt sich in der mittelländischen Kleinstadt geborgen, schon der Besuch in der Hauptstadt stürzt ihn dagegen in Grundfragen des Seins: Hat er ES, dasjenige welches, was ausmacht, dass man sich zum Beispiel erfolgreich durchs städtische Leben schlägt. Der milde Trotz aus Bequemlichkeit, den Mohns Wesen verströmt, scheint den TV-Nachrichtenchef jedenfalls zu ermuntern, ihn aus einer guten Laune heraus anzustellen.

Max Mohn kennen wir aus Capus früheren Büchern, dem überraschenden Munzinger Pascha und dem verunglückten Eigermönchundjungfrau. Mohn ist sich treu geblieben. Die alltäglichen Verrichtungen bergen für ihn genug Abenteuer, die zu bestehen er sich redlich abmüht.

ES zu wissen, ES zu sein war schon immer sein Ziel: ES zu haben, um das Mädchen der Träume zu erobern. Doch was dabei herauskam, ist seither in eine vertrackte, verbrüchliche Ehegeschichte eingemündet.

Träume werden durch das Morgengrauen verscheucht, deshalb hängt Max tagsüber gerne den Melancholiker heraus. In dieser Haltung scheint er ein Mittel gegen die Verzweiflung am provinziellen Biedersinn gefunden zu haben.

Die eigentliche Entdeckung in diesem Erzählband, der sich nicht ganz korrekt «Roman» nennt, ist aber eine Figur namens Johnny Türler, ein alter Freund von Max, der ihn an die gemeinsame Schulzeit erinnert. Die «mittlere Reife» schlug Johnny aus, indem er sich als Matrose verdingte und fremde Welten bereiste. Von jedem Ort, an dem er anlegte, zeugt eine Tätowierung auf seinem Körper. Doch seit er vom Schlammwasser des Orinoco eine gefährliche Überdosis abbekam, und deshalb notfallmässig heimgeholt werden musste, arbeitet er im väterlichen Betrieb, der ortsbekannten Confiserie.

Der tätowierte Riese im rosa Schürzchen beim Pralinen-Abzählen bietet ein traurig-lächerliches Bild, das die Integrationskraft des Provinzlebens belegt. Freilich lässt es Capus nicht dabei bewenden. In der abschliessenden Geschichte schickt er Johnny im Namen seines Vaters an die Jahresversammlung des örtlichen Gewerbes, um für das City-Parkhaus zu votieren. Dafür braucht Johnny jedoch erst mal ein Bier, und noch eines und … Auch wenn all seine schönen Reden nie an die Ohren der Gewerbler dringen werden, hat Johnny so seine Würde gewahrt. Mit stumpfem Kopf landet er in der Morgendämmerung in einem Güterwaggon und ein paar Stunden später ausgenüchtert auf einem Abstellgleis irgendwo südlich von Avignon.

Zwischen diesen beiden Johnny-Szenen bewegt sich Max: ein ewiger Junge, ein liebenswürdiger Scharlatan, der die Wirklichkeit am liebsten mit Geschichten garniert. So viel Charakter wie hier hat er in den bisherigen Büchern von Alex Capus noch nicht bewiesen. Der Autor hilft ihm nach Kräften, indem er seine Erzählungen mit Sprachwitz würzt und beschwingt zu einem Abschluss führt. Launige Beobachtungen und skurrile Aperçus ergänzen die komische Palette. Vielleicht ist es nicht hohe Kunst, was Capus in Mein Studium ferner Welten zelebriert, doch seine Humoresken aus der Provinz überzeugen dadurch, dass sie halten, was sie versprechen: eine sehr vergnügliche Lektüre.