Gogi

Monica Schwenk

«Georg Schaffner arbeitet als Korrektor für eine Tageszeitung, die von einem Mediengrosskonzern aufgekauft wird, der bald darauf Text- und Inserate-Korrektur trennt und die ersten Kündigungen ausspricht. Am neu eingeführtenFreitagsapéro hält der Betriebspsychologe einen Vortrag, in dem er jeweils jenen Spirit beschwört, der die Mitarbeitenden dienstbar machen soll. Gogi, wie ihn seine wenigen Angehörigen und Freunde nennen, realisiert, dass er den Vorgaben aus der Chefetage nicht mehr nachleben kann und will. Er wird in die Inserate-Abteilung versetzt. Ein Abstieg. Wenn er auf sein bisheriges Leben zurückschaut, kommt es ihm vor, als habe er seit seiner Jugend die Realität und die eigenen Möglichkeiten verschlafen.

Seit Wochen fehlen im Supermarkt Gemüse und Früchte; Vitamintabletten sind kein Ersatz. Von den äusserst wirkungsvollen braunen Pillen besitzt Gogi noch zwei. Überhaupt: Die politische und zivilgesellschaftliche Lage verschärft sich; die digitale ›neue‹ Welt gerät aus den Fugen. Wer zahlen kann, zieht in eine der bewachten Siedlungen. Nach längerer Zeit meldet sich Markus, ein Jugendfreund, wieder und bietet Gogi eine Fluchtmöglichkeit an. Dieser willigt ein, unter einer Bedingung: Renée, seine Nachbarin, die für ihn in den vergangenen Wochen ein Geschenk des Schicksals geworden ist, soll ihn begleiten.

Mit einer wuchtig-eruptiven Sprache verknüpft Monica Schwenk die Fülle von Episoden, Reflexionen und inneren Monologen. Daneben ist der dreiteilige Roman mit grotesker Komik durchsetzt, die wie ein Abgesang auf das Verschwinden der Qualitätsmedien wirkt.»

(Katharina Kienholz/Buchpräsentation edition pudelundpinscher)

Dark Marketing oder Die Werbung ergreift die Macht

par Beat Mazenauer

Publié le 08/01/2016

Die grossen Umwälzungen geschehen oft unmerklich, sie schleichen sich in den Alltag ein und werden unentbehrlich, sie sind Gewohnheit, bevor wir dessen richtig gewahr werden. Georg Schaffner, Korrektor mit geradezu altmodischem Berufsstolz, erfährt einen solchen Prozess am eigenen Leib. Sein Arbeitsplatz bei einer Zeitung verändert sich, neue Leute, neue Gebräuche, neue Hierarchien ziehen ein, die Besitzer wechseln und mit ihnen die Arbeit. Aus der Zeitung wird eine potente Marketingmaschine, in der für den Korrektor gerade noch Platz in der Inserate-Abteilung bleibt. Georg Schaffner leidet darunter, doch er duckt sich, lehnt sich nur innerlich auf.

Die 54-jährige, in Basel wohnhafte Autorin Monica Schwenk arbeitet seit 20 Jahren als Zeitungs- und Literaturkorrektorin. Sie kennt somit das Metier ihres Helden, dessen Erfahrungen übersteigen womöglich aber, was ihr bisher im Beruf widerfahren ist. Ihr Debütroman Gogi entfaltet vor unseren Augen eine sonderbare Welt, die uns bekannt vorkommt und zugleich fremd anmutet. Alles ist im Umbruch begriffen. Natürlich ist auch Georg Schaffner davon betroffen. Regelmässig wird er zum Gespräch mit dem Betriebspsychologen gebeten, der für sein smartes «Wir-wollen-ganz-offen-sein-miteinander» bloss noch «Wi-wo-goff» genannt wird. Jeden Freitag trichtert er der Belegschaft den Spirit der neuen Dienstleistungsgesellschaft ein: Probleme heissen Herausforderungen und der Kunde ist König, weil er nicht bemerken soll, wie er ausgenommen wird.

Auch privat droht Georg Schaffner alias Gogi, wie er von den die Eltern einst gerufen wurde, «überflüssig» zu werden. Alle paar Wochen besucht er den Bruder in der Anstalt, doch sonst sind ihm Familie wie Freunde abhanden gekommen. Selbst die Anrufe seines treuen Jugendfreundes Markus beantwortet er seit langem nicht mehr. Sein eintöniger Alltag wird durch stete Geldknappheit belastet. Gogi ist ein beflissener Rappenspalter aus alter Gewohnheit. Sein Verdienst ist gering. Doch hätte er Geld, so gäbe es nichts zu kaufen. Im firmeneigenen Geschäft herrscht Mangel an überteuerten Gütern des täglichen Bedarfs. Und Pillen ersetzen kein Gemüse. Gogi, der «Ritter der Rechtschreibung», hadert mit seinem Leben.

Monica Schwenks Roman folgt seinen verwickelten Gedanken und Bedenken und lässt ihn als kauzigen Sonderling erscheinen, der für sich allein lebt, weil es niemand mit ihm aushält. Nach und nach gibt diese sehr private Perspektive jedoch den Blick frei auf eine beunruhigende Realität um Georg Schaffner herum. Diskret, doch immer merklicher mehren sich Zeichen, dass er die Armut mit anderen teilt, und dass Internet und Mailverkehr nicht funktionieren, weil sie systematisch eingeschränkt werden. Er lebt offenkundig in einer Zweiklassengesellschaft, die von den Tugenden der freien Konkurrenz zerfressen wird. Die einen drängen sich in heruntergekommen Wohnsilos zusammen, während die anderen draussen vor der Stadt abgeschottete, befriedete Siedlungen bewohnen. In aller Dreistigkeit erklärt einer der Beglückten das System: «Was Sie hier bemerken, das ist der Pulsschlag des freien Marktes, nichts weiter und nicht der Schwefelhauch des Bösen».

So deutlich wird Monica Schwenk freilich selten. Ihr verquirlter Bericht aus dem Kopf ihres Helden beschwört vielmehr eine klaustrophobische Stimmung herauf, die schleichend, hinterrücks Züge einer perversen Utopie aus dem Geiste der freien ökonomischen Konkurrenz verrät, der sich die Politik längst unterworfen hat. Wenn Nachts das Telefon wegen eines Werbeanrufs klingelt, so gilt strikter Abnahmezwang. Das Klingeln hört erst auf, wenn der Anruf entgegengenommen wird, notabene auf Kosten des Kunden. Ärger und Angst sind ein unschlagbares Duo, das die Produktwerbung emotional aufwertet.

Indem wir bloss erfahren, was in Schaffners Bewusstsein dringt, bleibt die Sicht aufs Ganze eingeschränkt, dadurch verstärkt sich der Eindruck des Bedrängenden erst recht. Doch unversehens kommt Bewegung in sein Leben, als er seiner Nachbarin im Treppenhaus begegnet. Bisher hatte er nur ihr Klavierspiel gehört. Renée verleiht dem kleinen Feigling, für den er sich selbst hält, neuen Mut. Vielleicht könnten sie gemeinsam ausbrechen und abhauen.

Gogi ist ein listiges Debüt, das einen anfänglich allzu bekannten Stoff mit Ironie hinterrücks verwandelt. Monica Schwenk spickt Georg Schaffners Beklemmung mit sarkastischer Komik. Ihre Gesellschaftskritik klingt dabei unangestrengt und frei von grellen Effekten. Deshalb dürfen wir in ihrer Utopie eines allumfassenden Marketings gerne Anleihen aus unserer Gegenwart erkennen. Die Absurdität markiert den Endpunkt der Realität. In dem Punkt erinnert Gogi entfernt an das Buch Mein lieber herr Schönengel, in dem die Autorin Marie-Jeanne Urech eine irrwitzige Erklärung für wirtschaftliche Höhenflüge und Krisen findet. Ob es im Fall Gogis aber für ein Happyend mit Renée reicht – darüber schweigt sich das Buch klugerweise aus.