Mein Gedicht fragt nicht lange reloaded

Nora Gomringer

Nora Gomringers Gedichte sind viel herumgekommen. Daher haben sie Sieben-Meilen-Stiefel an den Versfüßen und manchmal einen recht breitbeinigen Gang. Dazu eine laute Stimme und manchmal ganz schön viel Attitüde. Doch manche von ihnen haben Katzensohlen, zarte, bebende Haut, sind verweht, fast noch bevor sie ausgesprochen wurden, sind zum Still-für-sich-Lesen statt zum Deklamieren geeignet.

Die in diesem Band versammelten Sprechtexte und Gedichte sind zwischen 2002 und 2010 entstanden. Enthalten sind die Gedichtbände Silbentrennung, Sag doch mal was zur Nacht, Klimaforschung und Nachrichten aus der Luft.

(Buchpräsentation Voland & Quist)

LAUT! Lesen! Drei neue Bücher von Nora Gomringer

par Beat Mazenauer

Publié le 26/09/2015

Nora Gomringer reitet 2015 auf einer Welle des Erfolgs. Als Höhepunkt darf die durchaus überraschende Verleihung des Ingeborg Bachmann-Preises gelten. Für den Prosatext «Recherche» ist eine Autorin geehrt worden, die nach eigener Aussage «ganz und gar der Lyrik verhaftet» ist. Im Sog der Preisehren sind in zwei Verlagen gleich drei Bücher von Nora Gomringer erschienen, die ihr Schaffen in den unterschiedlichsten Facetten zeigen. In allen drei Bänden wird schnell klar, dass Nora Gomringer nicht nur gewitzte Texte schreibt und virtuos auf die Bühne bringt, sondern damit auch gute Laune verbreitet.

Umso mehr überrascht der Buchtitel Ich bin doch nicht hier, um sie zu amüsieren. Nein gewiss nicht! Aber weshalb sonst?
Die Überschrift entstammt einer Rede anlässlich der Verleihung des Weilheimer Literaturpreises 2015 – eines Preises, der Autoren verliehen wird, die am Gymnasium Weilheim schon einmal gelesen haben. Bloss kein Amüsement, versichert die Autorin, denn darin steckt die Gefahr, dass für das Publikum damit alles gesagt sein könnte und es sich getrost wieder abwenden darf. «Vom Amüsiertsein kommt nichts Gutes. / Es bringt mich um», versichert sie, und in einer zweiten Rede vor dem Verband literarischer Übersetzer bekräftigt sie – dieselben Zeilen zitierend – ihre Angst vor diesem «absoluten Autorenalbtraum».

Die beiden Reden bezeugen, dass sie es sich und dem Publikum nicht leicht machen will. Hier wie in anderen Texten des Bandes hält sie die Spannung hoch, schafft überraschende Wendungen und verblüfft immer wieder mit lautmalerischen Überraschungen. Sie lotet darin die Potenziale der Sprache aus («Wie klingt eigentlich Deutsch?»), berichtet von Erfahrungen ihrer «intimen» Beziehung zur Bühne und bekundet die Leidenschaft für das Fernsehen, insbesondere TV-Serien. «Ich sehe aus Überzeugung fern. Schon weil es nach Pionierarbeit klingt: fern sehen, um Dinge, Inseln, Menschen, Neues zu entdecken!»

Den Abschluss macht der in Klagenfurt ausgezeichnete Text «Recherche». Er handelt von einer  Kollegin namens Nora Bossong, die in der Gönnerstrasse 18 den Todesfall eines Jungen recherchiert. Sie besucht die teils geschwätzigen, teils verstockten Nachbarn und gewinnt Einblick in einen seltsamen kleinen Kosmos. Sie nimmt so teil «am Verraten durch Zuhören». Sich der Grenzen ihrer protokollarischen Prosa bewusst, greift sie schliesslich auf eine poetische Aufzeichnung zurück, in dem sie gewissermassen ihre Recherche wieder in die Freiheit lässt. Exakt diese lyrische Passage hat losgelöst auch Eingang gefunden in Nora Gomringers Band ach du je.

Getreu dem Titel der Reihe «Spoken Script», in der er erscheint, versammelt er ein breites Repertoire von poetischen wie prosaischen Sprechtexten: vom onomatopoetischen «LAUT! Lesen!» bis zum Opernlibretto «Drei fliegende Minuten». Es finden sich darin witzige Sprachspielereien und dadaistische Kinderverwirrgeschichten, kommunikative SMS-Katastrophen und berührend fragile Selbstbeobachtungen, sowie ein Hörstück aus fragmentarischen Schnipseln.

Programmatischen Charakter kommt dem Text «Kleine Formel» zu, worin die Autorin Rat erteilt fürs Dichten. Es braucht Thema, Wortgedanken, Emotion und vor allem eines: «zum Üben ständig: Lies es vor, lies es vor, lies es vor!» Ob mäuschenstill im Kopf oder bärenlaut im Zimmer, nur Laut muss es werden. Wie es das gleich anschliessende Gedicht vormacht:

Bier, sagst du?
Bist du bekloppt?
Puffreisscheibe
Dinkelschoko
Dingsbums
Stop!

In den 1980er Jahren hat der Dichter Peter Rühmkorf seine legendäre Recherche Über das Volksvermögen vorgelegt: «Kindermund tut Wahrheit kund». Auch Nora Gomringer kitzelt es auf eigene poetische Weise wach, indem sie dem alltäglichen Wort, der hingeworfenen Kurzkommunikation, dem leiernden Zeitgeist ihre Stimme leiht. Das klingt dann mal klar strukturiert und gleich wieder turbulent, mal spassig und unversehens berührend ernst – wie im Opernlibretto «Drei fliegende Minuten». Dieses setzt ähnlich wie der Klagenfurter Preistext mit einer Mikrophonprobe ein. «Hallo, ist das hier an? Halloooo. Hört mich jemand? Auch ganz hinten? Kann man mich hööören? Kann man mich verstehen?» Die Mikrofonprobe markiert eingangs, dass hier eine Sprecherin an eine unbekannte Hörerschaft appelliert. In dem Monolog, der von Liedern interpunktiert wird, erzählt sie von Familie, Liebe, Enttäuschungen und Ängsten, die der Arzt mit seiner Diagnose weckt. Das lustvoll Spielerische offenbart unversehens seine zweite ernste Natur.

Legt sich der geschriebene Text gewissermassen demütig auf den Bücherstapel in der Hoffnung, dass er von Lesern aufgeschlagen werde, fordert der Sprechtext diese Aufmerksamkeit lauthals ein. Sei es, um poetischen Schabernack zu treiben, sei es, wie in dem Opernlibretto, auf der Suche nach einem Echo. Laut deklamieren, laut diskutieren, alltäglich kommunizieren – Nora Gomringer verleiht der Gewöhnlichkeit poetische Weihen und gibt dem Zeitgeist eine Stimme. Ihre Poesie lässt sich in kein literarisches Schema pressen, in ach du je noch weniger als in ihren Gedichtbänden, von denen die letzten vier gerade eben unter dem Titel Mein Gedicht fragt nicht lange neu erschienen sind. Es handelt sich dabei um die reloaded Version einer Ausgabe von 2011. Der Titel ist einem Gedicht entnommen, worin die Dichterin ihre Leserinnen und Leser staunend mitverfolgen lässt, was sie lyrisch zu vollbringen vermag. Als Gegenleistung müssen sie ausharren und zuhören, denn tun sie das nicht – «so wird das nämlich / Nichts.»

Laut oder leise, glossierend oder beschwörend fasst Nora Gomringer die Welt in Zeilen und reflektiert dieses Tun immer gleich ironisch mit. Sie bewahrt sich so eine luftige Elastizität, die nie in Routine erstarrt. Im tiefsten Grund geht es ihr dabei stets um die Sprache und ihren phänomenalen Reichtum – artig, unartig, und vor allem eigenartig.