Vesals Vermächtnis

Alexandra Lavizzari

Ist es Zufall oder Vorsehung, dass der venezianische Goldschmied Girolamo Mazzi am 15. Oktober des Jahres 1564 in Zakynthos während eines Spaziergangs auf einen sterbenden Unbekannten stösst und Zeuge seiner letzten Worte wird?

Die Frage sollte Mazzi lange beschäftigen und die Begegnung am Strand, die nicht mehr als ein paar Sekunden dauert, ungeahnte Veränderungen in seinem Leben herbeiführen. Mazzi eignet sich die Mappe des Toten an und findet darin einen Brief, den er zwar nicht richtig entziffern kann, aber von dem er sich doch Ruhm und Geld erhofft. Es kommt jedoch anders; das Vermächtnis des Toten wird den Goldschmied von einer Katastrophe in die nächste führen, ihn zum Mörder machen und durch ganz Norditalien über den Gotthardpass bis nach Basel jagen.

Ausgehend von der historischen Tatsache, dass der sogenannte «Vater der modernen Anatomie» Andreas Vesalius an jenem Oktobertag auf der griechischen Insel den Tod fand und ein venezianischer Goldschmied ihn dort begrub, entwickelt Alexandra Lavizzari in ihrem Roman Vesals Vermächtnis eine fiktive Biographie, in der die grossen kulturellen und religiösen Themen der Renaissance anklingen. Vesals Tod bildet dabei den roten Faden, der sich durch den Roman zieht und Mazzi wie einen Schatten begleitet. Als auch Maler, Botaniker und Buchdrucker, die als Nebenfiguren Mazzis Fluchtweg säumen, Kunde von Vesals Vermächtnis erhalten, beginnt über halb Europa ausgedehnt ein gleichsam symphonisches Erinnern an den berühmten flämischen Wissenschaftler.

(Buchpräsentation Zytglogge Verlag)

Unterwegs von Zante nach Basel

par Katja Fries

Publié le 23/02/2016

In einer bemerkenswert poetischen Sprache beschert der Gelehrtenroman Vesals Vermächtnis dem flämischen Vater der modernen Anatomie, Andreas Vesalius, eine verblüffende Renaissance. Der sterbenskranke Schiffbrüchige strandet am 15. Oktober 1564 auf der Insel Zante (dem späteren Zakynthos), wo ihn ein venezianischer Goldschmied auffindet und Zeuge seiner letzten Worte wird. Ausserdem entdeckt er in Vesals Mappe neben anatomischen Skizzen ein Schriftstück an den spanischen König über die politisch brisante Lage Flanderns, das er von Oporinus in Basel drucken lassen möchte. So wird Vesals Vermächtnis von Girolamo Mazzi, dem Goldschmied, in die Welt getragen.

Andreas Vesal war Leibarzt der spanischen Krone und hatte in Paris Medizin und Anatomie studiert. Als einer der Ersten führte Vesal öffentliche Obduktionen durch und widerlegte Galens Thesen am offenen Menschenleib. Vesal lehrte Chirurgie und Anatomie in Padua, später in Venedig und Bologna; es sind jene Orte, die Mazzi auf seiner eindrücklich geschilderten Flucht von Norditalien, über die Teufelsbrücke des Gotthards in das von der Pest geplagte Basel durchquert.

Das Venedig der Renaissance hat viele Facetten, ein eher dunkles Gesicht scheint mit jenem grotesken Vergleich zu Beginn eingefangen:

Wie ein aufgetakeltes Weib mit Mundgeruch hauchte ihm Venedig bei jedem Schritt ihren faulen Atem ins Gesicht [und er] empfand jeden Luftzug, den er in seine Lungen fließen ließ, als einen Akt unfreiwilliger und daher fast schon obszöner Intimität. Zum ersten Mal in seinem Leben ekelte ihm vor Venedig. (S. 34)

Hier entledigt sich Mazzi der anatomischen Skizzen des Vesal, da er fürchtet, als Anhänger der schwarzen Magie zu gelten. Bekannt und bewundert für seine fein ziselierten Monstranzen und Altarkreuze muss der Juwelier von Rialto nicht nur wegen der wertvollen Papiere Vesals, sondern auch aufgrund seiner Homosexualität vor der Inquisition fliehen und Venedig verlassen. Deren willkürliches Handeln insbesondere im Kontext sexueller Praktiken skizziert treffend folgendes Sittengemälde:

Seine Liebe für junge patientes musste inzwischen, wenn nicht stadtbekannt, so zumindest in Rialto ein offenes Geheimnis sein. Vor allem aber wusste er: Kleinen Leuten wie ihm verzieh die Inquisition nicht. Was sie bei Patriziern und Adligen als bloßes Capriccio durchgehen ließ, würde sie in seinem Fall als Todsünde werten und dafür mit Gusto entsprechende Strafen austüfteln; Galeere oder Verließ, vermutete Mazzi, und zwar just so lange, bis er bereit sein würde, den Tod als Erlösung gutzuheißen und fast schon freudig den Scheiterhaufen bestieg. (S. 36f.)

Auf seiner Flucht vor der Inquisition gelangt Mazzi nach Padua, der ehemaligen Wirkungsstätte des Anatomen Andrea Vesalio. Dort hat er die Möglichkeit, erstmals leibhaftig einer Sektion an der Universität beizuwohnen. Die Abscheu des Protagonisten angesichts der sezierten Leiche wird in einer wiederum atmosphärisch plastischen Sprache beschrieben und mittels eines plausiblen Erzählerwechsels zur Ichform unterstützt:

Da lag doch tatsächlich ein nackter Mann auf dem Schragen, von Glied bis Hals aufgeschlitzt wie ein geschlachtetes Viehstück, seine Innereien nur noch eine eitrige Blut- und Schleimbrühe, die langsam zwischen den zersägten Rippen auf den Boden rann. Dieser Mensch, oder was von ihm noch als menschlich erkennbar war, mochte sechzehn, siebzehn Jahre alt geworden sein. Halb so alt wie ich, rechnete Mazzi. Arme und Beine, vom Skalpell verschont, hatten noch die elfenbeinerne Glätte der Jugend und die blonden, an der Schläfe verklebten Haare jenen warmen Glanz, der mit der Kindheit einhergeht. Aber sonst – welch Abscheu erregende Zerstümmelung! Und erst die Dämpfe, die dem Leichnam entwichen – nicht zum Aushalten. (S. 87)

Dass es sich hier um moderne wissenschaftliche Errungenschaften handelt, da angehende Ärzte nicht mehr in Tierkadavern herumstochern müssen, sondern dank Vesals Pionierleistung nun an Leichnamen lernen dürfen, wird von dem Laien zuerst gründlich missverstanden. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass den Romanhelden in diesem Anatomischen Theater – ähnlich einer Hybris – neue Euphorie ergreift, wenn er sich in einem Anflug hochtrabender Arroganz über die anwesenden Mediziner sichtlich ereifert:

... Ihr Studenten und Lehrer mögt tausend Mal mehr Dinge wissen als ich, aber eines weiß ich, was Ihr nicht im Traume ahnen könnt: Dieser Vesal, den ihr so sehr zu verehren scheint, ist tot, am Strand von Zante verreckt wie ein Tier, und das Schicksal hat mir, Girolamo Mazzi, Juwelier von Rialto, einen Brief von ihm in die Hände gespielt... (S. 88f.)

Sein Hochmut führt ferner soweit, dass sich Mazzi im Kloster von Viobaldino sogar selbst als Vesal ausgibt, um sich bei erstbester Gelegenheit davonzustehlen. Bei einem von der Inquisition angezettelten Blutbad in San Donato kommt sein Freund jämmerlich ums Leben. Darauf nimmt sich Mazzi dem Waisen Luca wie ein Vater an und will ihn in die Universitätsstadt Basel begleiten, wo dieser bei den Koryphäen Acronius und Urstisius Mathematik studieren möchte. Auf sein Studium bereitet sich der talentierte Knabe schon früh mit einem Lehrbuch des Humanisten Cardano vor, das der Zoll am Gotthard für ein Hexenbuch hält. Dass Bücher zu Beginn der Neuzeit, noch rund hundert Jahre nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, oft als gefährliche Ware gelten, wird spätestens hier deutlich.

In Basel druckt Oporinus erstmals den Koran auf Lateinisch, publiziert Castellios Toleranzschriften sowie Bücher gegen die Hexenverfolgung, weswegen er auf dem Index der Kirche steht. Von Oporinus liess schon Vesal 1543 seine siebenbändige Fabrica, das Standardwerk über die Sezierkunst, drucken. Diesem Meisterwerk europäischer Buchkunst, das teilweise ganzseitige Illustrationen aus der venezianischen Malschule des Tizian enthält, wird fortan «in allen Lehrsälen der Anatomie [...] von Madrid bis Paris und von Heidelberg bis Rom» (S. 256) die Reverenz erwiesen.

Dergestalt überzeugt im Roman das emphatische Porträt des berühmten Basler Buchdruckers, der um seinen tragisch verunglückten Freund Vesal trauert, nicht ohne sich dabei bissig über seine Epoche zu äussern:

Johannes Herbster – in Buchdruckerkreisen und darüber hinaus als Oporinus bekannt – haderte seit Tagen mit Gott im Himmel und den Göttern auf dem Olymp. [...] Oporinus war kein Mann der zimperlichen Gefühle, wenn er wetterte, zitterten die Wände und flogen die Bücher! [...] Zum hundertsten Mal schon [verglich er] das Schicksal des lesbischen Sängers Arion mit jenem seines Freundes Andreas. Damals, in Hellas’ goldenen Zeiten, hatten die Götter sich der Rettung des Sängers noch zu einer Wundertat aufgerafft, einen Delfin hatten sie dem Ertrinkenden geschickt, nichts Geringeres, doch für den Freund Andreas, der doch kürzlich auf demselben Meer gesegelt war, hatte keiner – keiner! – auch nur den kleinen Finger gerührt, selbst Asklepios nicht. Wo, Donnerwetter, blieb da die berühmte göttliche Gerechtigkeit? (S. 268f.)

Mit dem Klagelied des Basler Buchdruckers gelingt der Basler Autorin Alexandra Lavizzari nicht nur eine poetische Hommage an ihre Heimatstadt als Ort der Buchkunst und der Wissenschaften, sondern gleichsam eine kongeniale Zeitkritik von erschreckend politischer Aktualität. Denn das scharf geschnittene Aperçu über jene von Tod und Trauer geprägten Schicksale aus dunkler Zeit als Schlussakkord dieses stimmungsstarken und dramatischen Reiseromans, der brillant wie eine griechische Tragödie, jedoch ohne Deus ex machina, inszeniert ist, setzt viele Fragezeichen über die unwürdigen Zustände der zur Flucht gezwungenen Menschen in der heutigen Welt.