Als der Mond vom Himmel fiel

Anja Jardine

Unter den literarischen Debüts des Frühjahrs 2008 sticht ein Erzählband besonders hervor: «Als der Mond vom Himmel viel» von Anja Jardine. Präzise, atmosphärisch dicht erzählt die Autorin in 11 Geschichten von Menschen, die auf ihr Glück warten. «possibly maybe probably love» ist im Vorspann die Sängerin Björk zitiert: Es könnte sein, vielleicht. Dabei variiert sie das Genre der «Liebesgeschichte» auf vielschichtige und überraschende Weise.

Als Beobachterin besitzt Anja Jardine ein scharfes Auge für abschüssige Details und sublime Signale. Diese Wachheit gibt auch einen Hinweis auf Anja Jardines beruflichen Werdegang. Sie arbeitete bei Radio Bremen als Reporterin, danach bei der Wochenzeitung «Die Zeit» in Hamburg, seit 2005 ist sie Redaktorin beim NZZ-Folio in Zürich.

Blicke erzählen die wahren Geschichten

par Beat Mazenauer

Publié le 10/06/2008

Die Augen sind das Fenster nach innen, sie schliessen die Seele auf und können weder Glück noch Angst verbergen. Selbst einer wie der Mordbrenner Badnjar verrät sich in einem unbewachten Augenblick mit seinem Blick: «Es liegt etwas Bittendes darin, ein Flehen.» Mag er sich auch gleich wieder fassen, die Erzählerin hat diesen Blick erkannt, er verfolgt sie bis in ihre Träume.

Unmittelbar nach Ende des Bosnienkrieges begleitet sie als Reporterin den vertriebenen Bosnier Mevsud nach Sarajevo zurück. Die Behörden haben ihn ausgeschafft, kaum ist der Pulverdampf verraucht. Seine alte Wohnung im Stadtteil Ilidja ist zwar für kurze Zeit noch von den Serben besetzt, doch Mevsud möchte sie sehen – und vor allem seinen serbischen Nachbarn und Freund besuchen, bevor die Serben diese Stellung laut Friedensvertrag zu räumen haben. Vor dem Haus begegnen sie Badnjar. Brutal und dumpf gefällt er sich in der Pose des bewaffneten Kriegers – wenn seine Augen nicht wären.

«Badnjars Augen» ist vor zehn Jahren geschrieben. Die Ich-Erzählerin erinnert darin beruflich an die Autorin Anja Jardine, die als Journalistin in Bremen, Hamburg und seit drei Jahren in Zürich arbeitet. Als wache Beobachterin besitzt sie ein scharfes Auge für abschüssige Details und sublime Signale. Sie erkennt die Menschen an ihren Blicken.

Auf der Suche nach dem freien Willen

Die 11 Geschichten im Band Als der Mond vom Himmel fiel erzählen von der Liebe in einer Weise, die das Genre der Liebesgeschichte auf subtile, überraschende Weise variiert. „possibly maybe probably love“ zitiert Jardine im Vorspann die Sängerin Björk. Geduldig und behutsam forscht sie ihren Figuren nach, die unglücklich, unstet, unbeholfen auf der Suche nach dem Glück sind. In der Liebe könnte sich dieses erfüllen, doch häufig weht es bloss wie ein flüchtiger Duft an ihnen vorüber.

Jardines Protagonisten sind freundliche Menschen in Lebenslagen, die manchmal zum Verzweifeln sind. Beispielsweise in «Kreidehände», einer hinreissenden Reminiszenz an die Leiden der Gymnasialzeit. Das Porträt des wunderlichen Physiklehrers Opitz, der seine Schüler quält, dessen Schrulligkeiten sie aber sorgsam wie einen Schatz in ihrem Gedächtnis aufbewahren. Die Dispute zwischen Opitz und seinem gefährdeten Schüler Kalle drehen sich um die Freiheit: «Um die Frage, ob die Gesetzmässigkeiten, nach denen unsere kleinsten Bausteine agierten, überhaupt Raum für den freien Willen liessen.» In einem Anflug von verzweifeltem Aufbegehren will Kalle seinem Lehrer beweisen, dass es ein Moment der Freiheit tatsächlich gibt: Wenn zwei Menschen unabhängig voneinander aus unterschiedlichen Stockwerken von einem 75 Meter hohen Haus stürzen, können sie sich im Flug begegnen: dann sind sie «3,7 Sekunden lang nicht allein». Doch Opitz weist ihm kühl einen Rechenfehler nach.

«Kreidehände» ist vielschichtig aufgebaut, kreist um mehrere kleine Epizentren, die Jardine subtil in der Balance hält. Die Figuren bleiben dabei komplex, behalten für sich stets einen Rest an Geheimnis, welches auch die Erzählerin nur erahnen kann.

Ähnliches gilt auch für die längere Titelerzählung – Jardines Meisterschaft für geschmeidige vielschichtige Erzählungen entfaltet sich in den längeren Texten am Schönsten. Katrin, 47 Jahre alt, Single und erfolgreiche Reporterin, spürt, dass sie an einem Scheideweg steht. Aufträge und Begegnungen konfrontieren sie mit der Alternative, «ganz allein zu bleiben oder wenigstens ein Kind zu haben». Könnte der Regisseur, der um sie wirbt, ihren Entscheid erleichtern?

Sorgsam wägt sie innerlich ab, wie stark sie sich verausgabt, und was sie dafür zurück erhält. Es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten, die im Grunde nicht aufgehen kann. Katrin löst sie, indem sie vor allem ihr eigenes Gleichgewicht ausrechnet, doch ein Quäntchen Angst lässt sich nicht mehr verdrängen. Früher, mit 23 oder 24, auf einem ihrer ersten Flüge, jauchzte sie noch auf, als das Flugzeug in einer Turbulenz abrupt zur Seite kippte und der Mond im Fenster vom Himmel fiel.

Subtil und vielschichtig

Dicht, geduldig, unangestrengt auf mehreren Ebenen erzählt Jardine diese und andere zartbittere Geschichten. Der Mensch ist zur Freiheit geboren, vielleicht, aber es ist schwer, diese Freiheit zu erkennen und zu bewahren. Der Apfelpflücker Finlay erfährt es in «Golden Delicious» am eigenen Leib. Sein geduldiges Warten auf seine Liebe, Lea, wird zwar belohnt, doch eine Zukunft haben die beiden nicht. Der Alte auf der Farm, Jerry, beobachtet es mit Erstaunen und mit Schaudern, weil eigene böse Erinnerungen in ihm auftauchen, deren er sich nicht länger erwehren kann. Die Hölle sind die anderen – aber auch das erhoffte Paradies. Dazwischen liegt die Wahrheit.

Anja Jardine erzählt vielschichtig und behutsam, ihre Erzählführung tarnt sich zuweilen mit einer lockeren Beiläufigkeit – und trifft gerade so den Kern der Sache. «Als der Mond vom Himmel fiel» überzeugt durch seine Hingabe an die zwischen Beharrlichkeit und Selbstaufgabe schwankenden Figuren und durch ein beeindruckendes Feingefühl für deren Nicht-Verstehen, das den Geschichten jederzeit etwas unauflösbar Hintergründiges lässt. «Sie kam sich kühn vor in ihrem Denken», heisst es in der Erzählung «Kommst du mit?» von einer jungen Frau, die mit einem unbekannten Mann, den sie im Internet gefunden hat, den Freitod sucht: «Doch die Worte, die sie aneinanderreihte, waren zu abstrakt, um zu ihr durchzudringen.» So bleibt ihr romantisch ausgemaltes Ende ein grosses Missverständnis, das sich nicht wieder gut machen lässt.