Dem Taubengelächter ins Garn gegangen

par Beat Mazenauer

Publié le 05/04/2000

Nach zwei Romanen kehrt der Dichter Klaus Merz wieder zu seiner geheimen Leidenschaft zurück: der Lyrik und der lyrischen Kurzprosa. Garn heisst sein neues Bändchen.

So ein richtiger, opulent erzählter Roman war Jakob schläft ja nicht. Selbst da, in der «grossen» Form, hat sich die geheime Leidenschaft von Klaus Merz sichtlich bemerkbar gemacht: Merz liebt das luzide Sprachbild, die poetische Anspielung, die Konzentration aufs Wesentliche. Insofern ist er mit dem Roman Jakob schläft auf Abwege geraten, wenngleich in rundum überzeugender Manier: Und mit mehr Resonanz, als die versponnene Poesie wohl zu erzielen vermag. Möglicherweise jedoch ändert sich dies mit seinem neuen Bändchen voller poetischer Fundsachen.
Es dreht sich darin viel ums Fliegen, ums über sich Hinauswachsen, Weggehen wie «lieb Ellen», die eines Dienstags ihren Insektentraum verwirklicht und zu den Artgenossen auf den Teich hinausfliegt. Gleich in dieser ersten, kurz gefassten Geschichte verknüpft sich der Aufbruch zu den Träumen mit der Zurüstung zur Gelassenheit. Später wird es heissen: «Wer guter Hoffnung ist, beharrt auf seiner Richtigkeit».
Vordergründig spielt Merz gerne mit Klischees (etwa «Aus der Schule des Lebens»), doch nur, um ihre Bestimmtheit und Lauterkeit zu enttäuschen:

Tagwerk


Hand

anlegen

Ins Bocks-
horn blasen.

Den Hunger stillen.


Und wie die Wörter

alle heissen


Die Kürzestgeschichten und Verse schwingen sich in imaginäre Lüfte, ohne den bebenden Boden unter den Füssen wirklich zu verlieren. Merz liebt die unscheinbare Irritation, die nicht verärgert, vielmehr die Neugier anstachelt, die Phantasie der Leser und Leserinnen in Bewegung versetzt. Wer wie Merz schreibt, muss sich allerdings in der Geduld des Fischers üben, um die feinsten Wörter mit langer Leine aus dem Fluss des Erlebten zu fangen und aufs seidene Garn aufzureihen.
«Die Wahrheit greift in einfachen Sätzen um sich», doch plötzlich bricht das Unerwartete, die überraschende Wendung in sie herein: steht der Leopard im Wald, umfängt «die scheue Pranke / wärmeren Lichts» die Schulter und verleiht der Wirklichkeit mit einem Wort einen abenteuerlichen Klang. Diesen Eindruck bestärken die schemenhaften Pinselätzungen von Heinz Egger, die hier abermals eine mehr als nur illustrative bildliche Entsprechung zu diesen Texten darstellen. Ihre gekörnte schummrige Struktur deutet an und lässt zugleich der Phantasie viele Möglichkeiten offen.
Verlässlich bewegt sich Merz’ Poesie auf hohem stilistischen Niveau, setzt selten ein Wort zuviel. Wendungen und Zeilen bleiben aber ungeachtet ihrer Verdichtung stets wach nach allen Seiten hin, bewahren etwas schwebend Leichtes, als ob sie sich der «Aufgabe vom Glück» versichern wollten, das der unstete Kaminfeger in «Reislauf» vergessen hat.
Merz’ poetische Fundsachen flackern, oszillieren, ignorieren die der Vernunft gemässe Horizontale zwischen real und irreal und setzen ihr eine Vertikale entgegen: federleicht und unergründlich. «Hinterm Horizont legen die Engel / Eier in die Luft.» Merz ist ein Grossmeister der kleinen Form wie es Günter Eich war, sein Vorbild, an den zweimal in diesem Band erinnert wird. Taubenflug und Maulwurfsgänge: «Sprachen ohne Laut, die nicht erforscht werden». Mit Eich beharrt Merz auf einer poetischen Unordnung der Welt.
Wer mit diesem Bändchen das poetische Programm von Klaus Merz entdecken will, tut gut daran. Wer damit aber schon seit «Kurze Durchsage» und den frühern Büchern bekannt ist, dem wird hier ein bisschen das Moment der Überraschung fehlen. Zwangsläufig, denn beharrlich geht und sucht Merz den eigenen Weg weiter. Diesen Merz kennen und lieben wir. Dennoch muss er sich einen gelinden Einwand gefallen lassen: Der eine oder andere Text in «Garn» liest sich etwas zu pointiert, die eine oder andere Pointe wirkt allzu mutwillig herbeigezaubert.
Nicht mit einer solchen Pointe, vielmehr mit einer ehrlichen Reverenz vor Günter Eich knüpft Klaus Merz am Ende den Knoten in poetisches Garn, damit die aufgereihten Worte nicht hinweg und durcheinander kullern:

… Die Welt hört nicht

auf, das muss man lernen.