Marktplatz der Heimlichkeiten

Angelika Waldis

Jetzt zerschlägt Josette Monti die Flasche am Schiffsrumpf, es gelingt ihr erst nach einigen Anläufen, erneut spielt die Musik einen Tusch, die Stapel der frischen Zeitungen werden an Land gebracht, und bald stehen die Gäste in Grüppchen auf der Wiese, blätternd und lesend. «Und, Herr Schacke, gefällt sie Ihnen?», fragt Josette Monti. «Wen meinen Sie?», sagt Schacke. «Ich meine die NSZ am Sonntag». «Ach so, die. Nun, Sie gefallen mir besser. Viel besser. Nur schon die Frontseite. In Ihnen möchte man blättern.»

Das Medienhaus ist ein Marktplatz, hier werden Geschichten verkauft über alles, was läuft draußen in der Welt. Was drinnen läuft, in den Menschen, die hier arbeiten, bleibt jedoch täglich ungesagt, alle verwahren sie ihre Heimlichkeiten voreinander. Leidenschaften und Machenschaften, Lust und Last halten sie geheim bis zum großen Jubiläumsfest. Angelika Waldis deckt behutsam auf und bewirkt, dass man zum Schluss auch das boshafte Ekel und die dumme Schnepfe irgendwie ins Herz schließt. Böse, zärtlich, witzig!

(Buchpräsentation Europa Verlag)

Ein Medienunternehmen als Schweizer Mikrokosmos

par Ruth Gantert

Publié le 07/09/2015

Auf dem «Marktplatz der Heimlichkeiten» tummelt sich das Personal der NSZ, Kürzel für Neue Schweizer Zeitung, ein seit hundert Jahren existierendes Produkt der NeoMedia AG. Den runden Geburtstag gilt es zu feiern, auch wenn das Unternehmen – laut CEO Erich Breuer, dessen Kürzel für Eiserner Besen steht – auf «Vordermann» gebracht werden muss. Es droht die Konkurrenz,  die Digitalisierung, das Gratisblatt Yours, der Flop der neuen NSZ am Sonntag, der Abonnenten- und Inserateschwund. So stehen denn auch Kündigungen an, die natürlich die Schwächsten treffen werden. Während die einen nichts mehr fürchten als ihre Stelle zu verlieren, planen andere eiskalt ihren beruflichen Aufstieg, für den sie zu (fast) jeder Schandtat bereit sind: «Marktplatz der Eitelkeiten» würde auf viele der ambitionierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der NSZ ebenso passen, wenn der Titel nicht schon besetzt wäre.

Zum schwierigen Arbeitsumfeld gesellt sich ein aufreibendes Privatleben. Die Familie bietet keine Erholung von der Arbeit, sondern ist ihrerseits ein Stressfaktor mit ihren Konflikten zwischen den Generationen und den Geschlechtern: Alte Eltern belasten ihre erwachsenen Söhne und Töchter, geschiedene Väter bedauern, ihre Kinder nie zu sehen und die alleinerziehende Mutter zerbricht fast unter der Doppelbelastung von Kinderbetreuung und Karriere. Andere Frauen leiden unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch oder werden ungewollt schwanger – die Adoption oder den Schwangerschaftsabbruch müssen sie alleine organisieren.

Abhängigkeit, Betrug und Verrat, Krankheit, Unfall und Gewalt – nichts Menschliches bleibt Angelika Waldis’ Figuren fremd, vom Alkohol- zum Tablettenmissbrauch, von der primitiven häuslichen Gewalt bis zum hochmodernen Stalking per SMS, vom Flirt bis zum heimlichen Liebesnest, vom platten Diebstahl bis zur Titelschwindelei, vom langsamen Krebstod zum Verkehrsunfall und auch zum Suizid. Muntere Gespräche in der Kantine und an Betriebsfeiern verdecken nur notdürftig die Verlorenheit jedes Einzelnen, verstrickt in Probleme, von denen niemand etwas merken darf. Ihre Welt ist auch ein «Marktplatz der Einsamkeiten».

Das Buch ist symmetrisch aufgebaut: Zwei Teile mit je vierzehn Kapiteln enden beide mit einem Betriebsfest. Das erste, im Juni 2012, gilt der neuen Sonntagsbeilage, das zweite, im Dezember des gleichen Jahres, dem hundertjährigen Bestehen der NSZ.

Wie in einem Kinderbuch tragen die Kapitel lange Überschriften. Sie kündigen in drei skurrilen Ausdrücken den Inhalt der Episode an und nennen die Person, der die Erzählung in der dritten Person folgt, sowie ihre Stellung innerhalb des Medienunternehmens. Keine der Figuren steht ein zweites Mal im Fokus eines Kapitels und oft erfährt man deshalb nicht, wie ihre Geschichten enden: Erwacht das von Herrn Stemmler angefahrene kleine Mädchen aus dem Koma oder nicht? Der Faden wird manchmal später wieder aufgenommen, indem die Person, die im Mittelpunkt eines Kapitels stand, aus der Sicht einer anderen Figur erscheint und sich so einige Puzzleteile zu ihrer Geschichte hinzufügen.

Die Hauptfiguren der einzelnen Kapitel siedeln sich in allen Stufen des Betriebes an: von der Auszubildenden zum Personalchef, von der Zeitungsausträgerin bis zum Verwaltungsratsmitglied. Nicht alle sind getrieben von Geltungssucht und Aufstiegswillen – manche haben andere, eigenartige Leidenschaften: So Stevie Wanski von der «Cleaning Group», der beim Putzen eine Sammlung mit Fundstücken anlegt, die er in zu leerenden Papierkörben findet oder aus Büros entwendet: Ein Foto, ein Pfeifenstück, eine Haarspange, Notizzettel.

Wenn er schon Putzmann ist – 17 Franken 5 Rappen die Stunde, ab vier Dienstjahren 17 Franken 25 Rappen – dann will er auch festhalten dürfen, wer den Schmutz verursacht und was für welchen. Er will sie kennen, die Gestalten in den leeren Büros, und er kennt sie immer besser, denn sein Sachensammeln wird immer gewagter. Er nimmt sich Zeit.

Als «Archivistin» des Mikrokosmos NSZ erweist sich auch die Autorin, und obwohl ihr mit viel Sammlergeschick und Beobachtungsgabe erstelltes «Museum des menschlichen Lebens» fasziniert, bleiben die Ausstellungsgegenstände doch etwas disparat und die Auslegeordnung etwas systematisch. Die Satire der Managersprache ist witzig, doch die grossen Chefs, den CEO oder den  Chefredaktor, sieht man nie aus der Innenperspektive. Brisante Themen der Schweiz wie die Asyldebatte und der Rassismus werden – wie in der Zeitung selbst – nur angetippt. «Angelika Waldis deckt behutsam auf und bewirkt, dass man zum Schluss auch das boshafte Ekel und die dumme Schnepfe irgendwie ins Herz schließt», säuselt der Klappentext. Schade eigentlich! Zum Glück ist da noch die Volontärin. Ein Jahr muss sie im Betrieb, den sie äusserst kritisch beobachtet, ausharren. Jedes Kapitel endet mit einem kurzen Text in der ersten Person, der ihre Erfahrungen sprachspielerisch, wütend und melancholisch reflektiert – diese kurzen poetischen Stücke sind ein Genuss. Einmal kommentiert sie die Geschichten, die von Leserinnen der Beilage Zuhause für einen Wettbewerb eingesandt wurden (wobei der Gewinnerin ein Luxus-Weekend für zwei Personen im Berner Oberland winkt). Bissig macht sie sich über den «Schmalz» und die Schreibfehler der Möchtegerndichterinnen lustig.

 ~ bin böse, weiß schon, wollte auch mal geschichten schreiben ~ aber nichts schmerzherziges, sondern gelbgalliges ~ liebe frauen, werdet endlich böse ~ und zum teufel mit dem oberland

Dem ist nichts hinzuzufügen.