Gotthard

Zora Del Buono

Abgründig und komisch, sinnlich und raffiniert erzählt Zora del Buono in Gotthard von den Arbeitern am Gotthardbasistunnel, von einer buchstäblich heißen Arbeitsatmosphäre und einer Leiche im Keller. Fritz Bergundthal, Eisenbahn-Fan aus Berlin und gepflegter, fünfzigjähriger Junggeselle, ist zum Gotthardtunnel ins Tessin gereist, um ein paar spektakuläre Fotos schöner Lokomotiven zu machen. Aber im Laufe eines einzigen Tages, von dem Gotthard erzählt, wird er immer tiefer verstrickt in die freundschaftlich-familiären und erotischen Verwicklungen der Arbeiter rund um die Baustelle des Gotthardbasistunnels. Da sind die immer noch fesche, schrill alternde Dora Polli-Müller und ihre burschikose Tochter Flavia, Robert Filz mit seiner obsessiven Liebe zur brasilianischen Hure Mônica, Aldo Polli und Tonino, die in einer merkwürdigen, spannungsgeladenen Abhängigkeit aufeinander fixiert sind. Und die Heilige Barbara, Schutzgöttin der Tunnelbauer, ist gestohlen worden. Ein böses Omen, was sich im Laufe dieses Tages grässlich bewahrheiten wird.

(Buchpräsentation C.H.Beck)

Die Penetration des Jahrhunderts

par Florian Bissig

Publié le 26/10/2015

Ein Echtzeitprotokoll gibt Zora del Buonos Novelle Gotthard ihre Form. Abgesehen von einer kurzen Coda, ereignet sich die gesamte Handlung an einem 15. Mai eines der letzten Jahre in der Schweiz, und dauert exakt von 6:00 bis 12:23 Uhr. Auch gelesen werden könnten die 150 Seiten ganz gut in der Zeitspanne eines Vormittags – wäre da nicht die raffinierte Verzahnung der verschiedenen Perspektiven, die immer wieder nach überlesenen Hinweisen zurückblättern lässt.

Denn es sind eine ganze Reihe von Figuren, denen die Erzählung im Wechsel aus der Innenperspektive folgt. Und deren teilweise geradezu tunnelförmige Perspektive auf die Dinge schert sich nicht um die Verständlichkeit gegenüber Drittpersonen. Diese konsequente Ausarbeitung der Perspektiven macht indessen einen wesentlichen Reiz der Lektüre von del Buonos Novelle aus.

Ein penibler Protokollant ist der Protagonist Fritz Bergundthal, der in Gotthard das erste und das letzte Wort hat. Im Leinenanzug sitzt er mit Kamera und Notizbuch an der Gotthard-Passstrasse und registriert die Lokomotiven, die aus dem Tunnel rollen. Das mag einen unspektakulären Eindruck machen. Doch für den 50-jährigen Berliner Bergundthal, der sein Leben gern streng unter Kontrolle hat, ist es die abenteuerlichste Reise, die er je gewagt hat. Und auf ihr wird er, um 12:23, den Schock seines Lebens bekommen.

Bergundthal – nomen est omen, wie ihm bestens bewusst ist – kam, um die Wunder der Technik zu studieren: die Lokomotiven, die Brücken, den Tunnelbau. Doch er landet inmitten eines brodelnden Kessels von Emotionen, schwelenden Konflikten und heftigen Trieben, und dies just im Moment, als die Mischung explodiert.

Nicht nur an die Hänge des Bergs, sondern durch die dunklen Löcher hinein in seine Mitte, hat es die Arbeiter gezogen, die in seiner Hitze schmoren und leiden. Die Rede ist von den Mineuren im Gotthardbasistunnel. Allen voran der schmächtige Aargauer Robert Filz, der sich vom Bäcker zum Zugführer umschulen liess, um unter kilometerhohen Gesteinsmassen gleichsam zum Mann zu werden. Ihm und seinem unersättlichen Sexualtrieb ist der schwüle Stollen Sehnsuchts- und Lustort. Im Gestein sieht er überall Brüste, Schenkel und Hintern, und bei Tage ist er Dauergast bei der Brasilianerin Mônica, der drallsten Prostituierten im Bereich des Südportals.

Und dann ist da Tonino, der schon den Gotthardstrassentunnel in den 70ern mitbaute, ebenso wie sein damaliger Kumpel Aldo Polli, der in einer Haarnadelkurve an der Passstrasse wohnt. Wegen dessen Frau Dora und Tochter Flavia scheint der Italiener Tonino wieder in den Gotthard zurückgekehrt zu sein. Dora war damals Kantinenleiterin und keckes Busenwunder, das allen Arbeitern den Kopf verdrehte. Und ihre burschikose Tochter Flavia gleicht ihrem offiziellen Vater Aldo so ganz und gar nicht…

Durch die Tunnelblicke der Mineure bekommt der Leser anschauliche Lektionen über das Jahrhundertbauwerk des Gotthardbasistunnels: Über Bohrmaschinen, über Schmalspurgleise, über Blackboxen, über das Klima im Tunnel – und zugleich über die Leidenschaften der Männer, die sich in diese harte und gefährliche Arbeit schicken. Del Buono fängt den nüchternen Zahlen-Spleen des Fritz Bergundthal ebenso ein wie das «nahezu erotische Allmachtsgefühl», das die Männer überkommt, welche den Berg mit der Tunnelbohrmaschine Gabi II penetrieren. Mit knappen aber hochpräzisen Beobachtungen und Bemerkungen charakterisiert die Autorin die Figuren, so dass sie plastisch werden und die wohlwollende Einfühlung des Lesers gewinnen, seien sie nun Huren, Freier, Drogendealer, ja vielleicht Mörder.

Allen schwant, dass an diesem Morgen irgendetwas passieren muss. Für Tonino und Aldo ist es der Jahrestag von einem schrecklichen Geheimnis, an das sie nicht einmal zu denken wagen. Da ist auch noch die Statue der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Tunnelbauer, aus dem Schacht gestohlen worden. Dann wird der schmächtige Filz in der Hitze des Tunnels ohnmächtig, Dora Polli macht dem deutschen Eisenbahn-Fan Avancen, und der Tunnelbohr-Spezialist entschliesst sich erstmals zu einem Akt der ehelichen Untreue. Doch das Ereignis, dass alle Figuren um 12:23 in einem köstlich-grotesken Tableau vereinigt – das konnte niemand vorhersehen.

Vieles kommt da zeitlich zusammen. Ob es auch kausal zusammenhängt? Darüber mag der Leser von Zora del Buonos Novelle noch lange rätseln. Denn die Autorin verschenkt keine allwissenden Hinweise, sondern überlässt den Leser ganz den eigenwilligen Perspektiven der Tunnelbauer, Prostituierten, und Anwohner, und ganz besonders des braven Eisenbahn-Fans Fritz Bergundthal, der am Ende in seiner Berliner Wohnung sitzt und seine Umgebung im Angesicht seiner bunten und schrillen Erinnerungen an die Schweizer Bergwelt verbleichen sieht.

Revue de presse (sélection)

Zora del Buono hat eine kleine Maschine gebaut, in der ein Rädchen ins andere greift, ein effizientes Bohrmaschinchen, das einen Tunnel durch einen gewaltigen Berg menschlicher Not und Einsamkeit treibt. (Richard Kämmerlings, Die Welt, 02.08.2015)