Der Argentinier

par Beat Mazenauer

Publié le 17/03/2009

Einer schreibt auf, wie ein anderer erzählt habe, was ein Dritter vom Hörensagen erfuhr … Eine solche Erzähl- und Erinnerungskette führt unweigerlich zu Unschärfen und Umdeutungen. Das Spiel «Stille Post» – das Weitersagen im Kreis – veranschaulicht, was dabei herauskommen kann. Andererseits: manchmal verfügt das kulturelle Gedächtnis nur über solche mündlichen Erinnerungsarchive. Legenden und Märchen schöpfen seit altersher daraus.
Auch Klaus Merz verlässt sich in seiner neuen Novelle Der Argentinier auf eine derart brüchige Überlieferung, wenn er die Geschichte von Johann Zeiter erzählt. In seinem Dorf, in dem viele Schülergenerationen durch sein Schulzimmer gezogen sind, hat er zu Lebzeiten den Übernamen «Der Argentinier» getragen. Dieser rührte von Zeiters abenteuerlicher Auswanderung nach Südamerika her. Mit jugendlichen Unternehmungsgeist war er kurz nach Kriegsende 1945 – seine Geliebte Amélie zu Hause zurücklassend – ausgewandert, um sich den Traum eines Lebens als Gaucho zu erfüllen. Das Abenteuer währte nur zwei Jahre. Enttäuscht über die Viehtreiberei, die nichts mit Gauchoromantik zu tun hatte, kehrte Zeiter zuerst nach Buenos Aires, wo er den Tango kennen lernte – und danach in die alte Heimat zurück, wo ihn Amélie aufopferungsvoll erwartete.
So wird es erzählt. Lena, die Enkelin Zeiters, trifft anlässlich einer Zusammenkunft einen alten Klassenkameraden, den eigentlichen Erzähler dieser Geschichte, um ihm vom kürzlich verstorbenen Grossvater zu berichten. Aus erinnerten Bruchstücken, familiären Legenden und schliesslich auch ein paar wenigen Aufzeichnungen setzt Klaus Merz das schwebende, nur stellenweise stärker ausgemalte Porträtbild eines beinahe idealtypischen Grossvaters zusammen. Die Qualität der Auslassung kommt dabei besonders schön zum Tragen. Merz verfügt über eine stupende Stilsicherheit, wenn er mit wenigen Strichen ein Porträt aufs Papier bringt, das sich erst in der Imagination der Leser und Leserinnen zum vermeintlich Ganzen rundet. Im Grunde ist über den Argentinier wenig bekannt. Die Enkelin erinnert sich an eigene Erlebnisse, fügt Anekdoten der Mutter hinzu und was man sich so über ihn erzählt hat.
Motive der Sehnsucht, Fernweh und Heimweh, halten dieses brüchige Lebensbild zusammen. Gefühle des Verzichts beschatten Grossvaters Glück im kleinen Kreis der Familie und des Dorfes. In Buenos Aires soll er ein ausgezeichnter Tango-Tänzer gewesen sein, doch nach Europa heimgekehrt, behielt er diese traumwandlerische Leidenschaft unausgesprochen ganz für sich, «als Pfand» für seine geheimnisvolle argentinische Tanzpartnerin Mercedes. Nur zwei drei Mal blitzte die alte Leidenschaft auf – zuletzt bei Lenas Hochzeitsfest, als Grossvater mit der Braut einen «atemberaubenden Tango aufs Parkett» legte und danach, das Akkordeon vorgeschnallt, eine Polonaise anführte.
Mit Amélie pflegte er andere Schritte. Wieder daheim hielt er gewissermassen sein Leben an, vielleicht wegen ihr, vielleicht weil er erkannte , dass die «Liebe von und zu den Menschen» – «der einzige Adelstitel» – mit blosser Betriebsamkeit nichts zu tun hat.
Der Argentinier ist ein lichtes, zart durchscheinendes Suchbild, das zum guten Ende eine kleine Überraschung bereit hält. Klaus Merz demonstriert poetisch seine Meisterschaft, wo er zart andeutet, und wo er die Dinge mit scheinbarer Nebensächlichkeit genau beobachtet und einkreist. Jeder Mensch ist eine ganze Welt, auch wenn wir nur Bruchstücke davon (er)kennen.
Die fein gewirkte Erzählung bekommt zwischendurch allerdings etwas zuviel Farbe ab, wo sie ins ausmalende Aufzählen gerät. Als Lehrer hat der Grossvater stets einen Fundus an Bildern besessen, um die Kinder auch das Bilderlesen zu lehren. Klaus Merz ist ein gewiefter Leser von Bildern, was ihn hier zu einer aufzählenden Beschreibung von etlichen Fotografien verleitet, die dem leichten Novellen-Gewebe zwischendurch eine zu schwere Textur hinzufügen – so perfekt diese Bilder von Theo Frey die grossväterliche Welt wiederzugeben vermögen. Auch die eine oder andere leise Verzuckerung der historischen Zeit (im Gegensatz zur schnöden Gegenwart) scheint nicht vom Grossvater selbst zu stammen. Ungeachtet dessen ist Der Argentinier – der in Argentinien, wie es am Ende heisst, «der Schweizer» genannt wird – eine subtil gebrochene Erzählung aus der Perspektive des Munkelns, Meinens und Hörensagens, worin der Grossvater in ein schönes, vielleicht geschöntes Licht gerückt wird – aber wer vermag dies im Nachhinein noch genau zu beurteilen.

Note critique

In seiner aus einer fernen Tiefe leuchtenden Novelle Der Argentinier erzählt Klaus Merz die Geschichte eines Abenteurers: von einem Schweizer, der in Argentinier das Weite suchte und dem Tango verfiel, um am Ende zu seiner Jugendliebe Amelie in die Schweiz zurück- und ganz in sich einzukehren. Klaus Merz legt diese Geschichte raffiniert einem Ich-Erzähler in den Mund, der eigentlich ein Zuhörer ist. Er schreibt die Geschichte auf, wie sie ihm von der Enkelin dieses Argentiniers erzählt wird. In der Erzählperspektive spiegelt sich der Kernsatz dieses leichten und vielschichtigen Textes: «Erzählen und erzählen lassen». Klaus Merz schafft ein vielschichtiges Textgeflecht, mit Dokumenten wie Fotografien und Notizen, die historische Schlaglichter auf die Schweiz und Argentinien nach dem Zweiten Weltkrieg werfen; Heimat und Fremde lassen sich gleichzeitig als mythische Zonen lesen, die aus Klaus Merz’ schlafwandlerischem Gefühl für den Tanz der Motive, für den Rhythmus der Sprache, für das Poetische im Zusammenspiel der Wörter heraus wachsen. (Christine Lötscher)