Lebzeiten

Christine Fischer

Lore und Karl stehen kurz vor der Pensionierung. Da diagnostiziert der Arzt eine Erkrankung, die Lore «Kopfgeschehen» nennt. Allmählich wird sie ihr Gedächtnis und die Sprache verlieren. Lore beginnt zu schreiben. Kein Tagebuch, sondern einen Brief an das Leben. Sie hält fest, was der Tag ihr bringt, was sie wahrnimmt, denkt und fühlt. Sie erzählt vom veränderten Zusammenleben mit Karl, von ihrer Arbeit als Kindergärtnerin, die nun gefährdet ist. Schriftlich erinnert sie sich an das Mädchen, an die eigenwillige junge Frau, die sie einmal war. Sie beschwört eine rätselhafte Liebe herauf und die Jahre mit ihrer besten Freundin Eileen, die Lore und Karl ihren kleinen Sohn anvertraut hat: Oliver. Doch Oliver ist inzwischen erwachsen und stellt seine Adoptiveltern auf eine harte Probe. Die Krankheit schreitet fort, verändert Lores Sprache. Doch Lore gibt nicht auf. Auch als ihr die Wörter mehr und mehr entgleiten, hält sie die Zwiesprache mit dem Leben aufrecht und öffnet sich neuen Erfahrungen.

(Buchpräsentation Appenzeller Verlag)

Critique

par Liliane Studer

Publié le 20/07/2015

Seit vielen Jahren und in mehreren Romanen nähert sich die St. Galler Schriftstellerin Christine Fischer in behutsamer Sprache Brüchen im menschlichen Leben an. Sei es, dass eine Frau sich am Tag x entscheidet, die Augen nicht mehr zu öffnen und also blind die Welt zu erkunden (in Augenstille, 1999), sei es, dass eine Frau, deren Ehemann von einer Bergwanderung nicht mehr zurückkehrt, sich auf die Suche nach ihm aufmacht und dabei ganz anderes auch noch findet (in Nachruf auf eine Insel, 2010). Immer geht es um ungewohnte Situationen, um «ein Ereignis», das eingefahrene Gewohnheiten und verkrustete Beziehungen aufbricht. In ihrem neusten Roman Lebzeiten stellt Christine Fischer Lore ins Zentrum der Geschichte, die mit Karl zusammenlebt, das Paar hat einen Adoptivsohn Oliver. Lore ist Kindergärtnerin, gut sechzig und zufrieden in Beruf und Privatleben. Sie freut sich auf die restlichen Berufsjahre und auch auf die Zeit danach. Karl ist Lehrer, auch er steht noch fest im Beruf, und dort gefällt es ihm auch. Doch dann beginnt etwas in Lores Kopf, das sie «Kopfgeschehen» nennt und dem der Arzt einen Namen gibt, der jedoch nie ausgesprochen wird. Lore weiss, dass sie ihr Gedächtnis verlieren wird, ebenso die Sprache. Es nützt nichts, vor den Tatsachen die Augen zu verschliessen, das würde Lore auch nicht entsprechen, sie hat immer vertreten, dass Schicksalsschläge angenommen werden müssen. Und genau das tut sie. Sie beschliesst nämlich, das «Kopfgeschehen» im Tagebuch festzuhalten. Vier Hefte werden es am Ende sein, ein blaues, ein rotes, ein gelbes und ein weisses. Ein Brief ans Leben soll es werden, ein Brief, in dem Lore erzählt, wie es ist, wenn sich etwas im Kopf verändert und sich damit alles verändert.

Diesen Prozess des eigentlichen Verstummens in Sprache festzuhalten, ist eine Herausforderung, der sich Lore in ihren Tagebüchern unbedingt stellen will. Und zwar nicht nur, weil der Arzt gemeint hat, dass das Schreiben äusserst hilfreich sein könnte, um den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen. Darum geht es Lore nicht. Vielmehr will sie möglichst viel festhalten, solange sie noch kann, solange sie sich erinnert. Im Kopf kann sie immer weniger behalten, drum muss es aufs Papier, ins Heft. In dieser Zwiesprache mit dem Leben gelingt es Lore, ihrer Krankheit, diesem schleichenden Vergessen und Verstummen, entgegenzutreten, ja, es in eben dieses Leben einzugliedern. Lore wird nicht eine andere, Lore bleibt die Frau, die genau hinschaut, die wissen will, die sich stellt. Nur dass das, dem sie sich stellen muss, etwas anderes geworden ist, als sie sich vorgestellt hat. So weiss sie in ihrem Alter, dass sie nicht mehr ewig im Beruf bleiben wird, doch das ist etwas anderes, als wenn – wie bei ihr – es nicht mehr geht. Lange noch gelingt es Lore, als Kindergärtnerin weiterzuarbeiten, im Alltag mit den Kindern findet sie den richtigen Ton, auch die richtigen Namen für die Kinder, sie weiss, was zu tun ist. Bis es eines Tages nicht mehr geht, sie vergisst zwei Kinder unterwegs. Dass ihr eine Hilfe zur Seite gestellt wird, ist ein grosses Glück, denn Manu wird eine liebe Freundin, die Frauen bleiben verbunden, auch nachdem Lore aus dem Kindergartendienst entlassen wird.

Beim Schreiben kennt Lore keine Einschränkungen. Und so erzählt sie dem «Leben» auch von Oliver, dem Adoptivsohn, der von klein auf bei ihnen war und nun seit einiger Zeit verschwunden ist, weil er seinen leiblichen Vater suchen, sich von den Adoptiveltern befreien müsse. Nicht nur Lore leidet darunter, auch Karl erträgt kaum, dass sich der geliebte Sohn so abgrenzen muss, nein, das hatten sie nicht gewollt, nachdem Eileen, die beste Freundin, ihnen Oliver in Obhut gegeben hat, weil sie wusste, dass sie sterben würde und bereits damals Olivers Vater längst verschwunden war. Lore und Karl wünschen sich, dass Oliver noch rechtzeitig zurückkehrt, viel Zeit bleibt nicht mehr, denn Lores «Kopfgeschehen» schreitet voran.

Lebzeiten ist ein leiser Roman, und einer, der nur langsam gelesen werden sollte. Und ja, es ist ein Roman über Demenz, diese Krankheit, mit der wir zunehmend konfrontiert sind. Wenn auch in der Regel als Söhne und Töchter unserer bereits alten Eltern. Hier jedoch ist eine Frau betroffen, die noch überhaupt nicht alt ist, die noch mitten im Beruf, im Leben steht. Und das wiederum macht uns betroffen. Angespannt lesen wir, wie sich Lores Alltag, ihre Wahrnehmung, ihr Horizont verändert, wie sich mit dem typischen Fortschreiten der Krankheit ihre Sprache in den Aufzeichnungen verändert. Christine Fischer vermeidet jede Larmoyanz, jedes Mitleid mit der armen Kranken, dem sich diese verwehrt. Wut, Trauer und, ja, Lebensfreude überwiegen. Und eine Ehrlichkeit, die als «Vorbild» dienen könnte. Das alles in Sprache festzuhalten, letztlich die wachsende Sprachlosigkeit in Sprache zu fassen, gelingt Christine Fischer in diesem Roman auf grossartige Weise und mit nachhaltiger Wirkung.