Eine Reise ins Herz des Lichts

par Beat Mazenauer

Publié le 05/03/2003

Der Sog, Der Bann, Der Kreis heissen lapidar die drei Teile der Simon-Mittler-Romantrilogie. Ihnen hat Hans Boesch nun einen Epilog hinzugefügt: Schweben. Der Titel ist Form und Inhalt zugleich.

Linda lief talaus, über die Ebene gegen den Wald zu und dann mit schnellen Schritten die stotzigen Hänge hinan, über denen düster der Crasta Mora droht. Sie tobt die innere Unruhe körperlich aus. Atemnot hindert das Denken, ihre Aufmerksamkeit streift die Umgebung bloss.

So wie sie über Alpweiden und Furggen hastet und ihren Körper bis zur Ermattung antreibt, erhöht sich auch die Pulsfrequenz der Sätze. Sie beschleunigen, überschlagen sich, nehmen vom Wegrand bloss die Namen von Pflanzen und Plätzen mit, bis Linda hoch droben beim Fels sich erschöpft unter das kühle Quellwasser beugt und sich damit Gesicht und Arme netzt. Da beruhigt sich der Puls wieder und mit ihm die Sprache, die Wahrnehmung öffnet sich. Am Himmel droben kreist ein schwarzer Vogel, zu dem ein Mann spricht.
Hans Boeschs Roman Schweben ist ein rundum wunderbares Buch: präzise komponiert, voller verblüffender Landschaftsbeschreibungen und in einer luziden, schwebenden Sprache geschrieben, die gleichsam losgelöst erscheint von aller Pflicht, erzählen zu müssen. Die Sprache ist ganz Stimmung. In kleinen Kreisen drehend, sich zusammenziehend und weitend, sich aufregend und zur Ruhe kommend, spiegelt sie rhythmisch das minimale Geschehen.
Die Handlung hat Boesch auf knappe Andeutungen reduziert. Linda ist unruhig und traurig, weil Peider weg gefahren ist, um in Amerika sein Glück zu suchen. Die Alpen und Furggen, über die sie steigt und rennt, teilt sie mit Simon. Doch während Linda rennt und hastet, schreitet er, mittlerweile älter geworden, mit gemächlichem Tritt über die Berge. Gemeinsam schauen sie dem schwarzen Vogel zu, zusammen verdrücken sie sich, als sie von einem gewittrigem Schneetreiben überrascht werden, in eine Felsnische, die sich Simon eingerichtet hat. Auf einen günstigen Moment wartend, um ins Tal herunter steigen zu können, kommt Simon ins Erzählen. Er redet sich mitten in die Kindheit hinein, ins rheintalische Rietland, das wir aus Der Sog kennen.
Die alte Hebamme, Katrin, steht im winterlichen Rietland und sucht den Heimweg. An der Brust trägt sie ein uneheliches Balg. Sie sucht ein trockenes Fleckchen irgendwas, um daran ein Streichholz anzuzünden zu können, für ihre Laterne. In der Dunkelheit sich vorantastend findet sie eines, in der Achselhöhle einer Jesus-am-Kreuz-Skulptur. Noch zeigt der Allmächtige ein kleines Erbarmen. Diese Binnenerzählung, im Roman das umfangreichste Kapitel, ist ein kleines Meisterwerk für sich.
Während Simon in vergangene Zeiten zurück sinkt und Linda über seinem Erzählen einschlummert, entsteht in der engen Felsnische unvermittelt eine eigene Welt, die den trügerischen Abbildern draussen trotzt. Erst wie das Licht nach dem Sturm wieder hervorbricht, löst sich dieses gegenteilige Höhlengleichnis auf, stellt sich die übliche Ordnung wieder ein.
Gerade dieses bravouröse Zwischenspiel weckt indes auch leisen Argwohn. Katrin flucht in finsterer Nacht gegen die Hurensöhne von Fabrikanten, die unschuldigen Mädchen Kinder anhängen und sie dann fallen lassen. Leistet sich Hans Boesch hier nicht eine Kritik an der frühindustriellen Ausbeutung, die um Jahrzehnte zurück liegt und daher eher nostalgisch anmutet?
Die Frage darf gestellt werden, denn Schweben ist ein versöhnliches Werk. Der Kampf zwischen Naturkräften und technischer Bemächtigung, der seine frühen Romane kennzeichnet, besonders Die Fliegenfalle (1968), spielt keine Rolle mehr. Zumindest oberflächlich besehen, denn die Welt ist auch hier nicht heil. Sein Wanderer Simon aber achtet nicht auf die Autos und Motorräder, die seinen Weg auf dem Albula-Pass kreuzen. Die steinerne Bergwelt ist stärker, grösser, über solche Beeinträchtigungen erhaben. Bezogen auf Boeschs kritische Essays zur Stadtentwicklung könnte dies auch heissen, dass der total(itär)e Mobilmachung vor allem die Stadt als sinnlichen Lebensraum zerstört, jene kleinräumige «Heimat», in der übermächtigen Natur dagegen ist der Mensch allein.
Schweben blendet solche Fragen nicht aus, giesst sie aber in eine neue Form. Es ist für den Autor auch so etwas wie eine literarische «Heimkehr» – zu dem hymnischen Roman Der junge Os, mit dem Boesch 1958 debütierte. Darin rettet sich der Tolpatsch Os vor der Boshaftigkeit der Dörfler und tobt sich in der Natur aus. Lichte Landschaftsbilder und eine emotional durchflutete Sprache verraten hier schon den Poeten, der in diesem Prosaautor seit je her schlummert.
Mit Schweben erweitert Hans Boesch die abgeschlossene Mittler-Trilogie um einen befreiten Epilog. Linda, Simons Stieftochter, haben wir kurz am Ende des vorletzten Romans Der Kreis kennen gelernt. Sie hemmt ihre Eile nur Simon zuliebe, dessen Tritt mit den Jahren langsamer geworden ist. Hin und wieder setzt er sich hin, stellt seine Staffelei auf, um mit seinem Blick die Berge zu umschmeicheln. «Denn das unbeirrte Weitergehen, das Loslassen, ein geradezu leichtfertiges Loslassen von all dem, was hinter ihm lag, das Fallenlassen erschien ihm wie Verrat.» Zuerst will er alles nochmals überblicken, «als ein in sich Ruhendes, Geborgenes sehen können». Aus diesen Worten spricht der Autor selbst. Exakt dies will sein Roman: das hinter ihm Liegende aufheben. Mit bewundernswertem Geschick verknüpft Boesch die spärlichen Motive zu einem vollendeten Ganzen, macht er «einen Knoten in die Nabelschnur». Damit hat er nicht sein letztes Wort gesprochen, aber er hat seinem bedeutenden Werk eine weitere grossartige Note hinzugefügt.