Ein Ausschnitt innerhalb eines grossen Schweigens

Gespräch mit Lukas Bärfuss über seinen neuen Roman «Koala»

Focus du 10/04/2014 par Alexandra von Arx

Er zählt zu den ganz grossen zeitgenössischen Dramatikern. Nun beweist Lukas Bärfuss mit seinem lang ersehnten zweiten Roman erneut sein schriftstellerisches Können und seine herausragende Position in der Schweizer Literaturlandschaft. In Koala setzt er sich mit dem Suizid des Bruders auseinander und damit zugleich mit einer langen Geschichte der Gewalt, die das menschliche Leben wie ein Schatten begleitet. Ein Roman, der an Grenzen rüttelt und gesellschaftliche Konventionen hinterfragt, der zu ergründen sucht, was im Dunkeln liegt und wovon der Blick wenn immer möglich abgewendet wird.
In einem Café in der Nähe seines Büros in Zürich spricht Lukas Bärfuss im grellen Sonnenlicht über totale Transparenz, den Wert des Lebens und den Punkt, an dem die Sprache endet.

Alexandra von Arx: Anfang März ist Ihr neuer Roman Koala herausgekommen. Erhalten Sie viele Reaktionen von Betroffenen?

Lukas Bärfuss: Ich werde tatsächlich sehr häufig angesprochen, schriftlich und mündlich. Es ist erschreckend zu erleben, wie viele Menschen von Selbstmord betroffen sind. Ich kannte natürlich die Statistik, aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie flächendeckend dieses Phänomen ist. Und ich erfahre, dass Literatur als Kommunikationsmittel dient. Als Möglichkeit, einen Weg aus dem Schweigen zu finden.

Sie sind ein Schriftsteller, der immer wieder genau dort hinsieht, wo das Schweigen sitzt. Hängt das mit dem vielen Schweigen zusammen, in dem Sie aufgewachsen sind?

Das ist möglich, aber ich sehe Schweigen nicht nur negativ. Schliesslich entsteht die Literatur zwischen dem Schweigen.

Inwiefern?

Ein Text bewegt sich auf den Punkt zu, an dem die Sprache endet. Er ist ein Ausschnitt innerhalb eines grossen Schweigens und ohne dieses nicht möglich.

Das klingt fast positiv.

Schweigen heisst ja auch Stille. Sie ist nicht nur bedrohlich, sondern auch produktiv. Mich interessiert der Moment, an dem ich verstumme, aus Angst oder Ekel oder Unverständnis.

Verlangt das nicht unglaublich viel Selbstbeobachtung?

Vielleicht. Aber nicht, um die letzten Rätsel zu lösen. Ich benötige Geheimnisse, auch vor mir selbst. Totale Transparenz ist nichts Gutes.

Geheimnisse sind das eine, aber hängt Schweigen nicht auch mit dem Wunsch zu vergessen zusammen?

Bestimmt. Möglicherweise ist es auch ein Ausdruck von Irrationalität. Als könnte man mit Schweigen ein Unheil bannen. Die Medien beispielsweise berichten nur sehr zurückhaltend über Selbstmord, aus Angst vor Nachahmern. Dem wollte ich nachgehen. Warum kann Selbstmord zu einer Lösung werden, die man auf einmal auch will? Liegt es daran, dass die Argumente plötzlich offen auf dem Tisch liegen? Es gibt eine familiäre Tradierung, das heisst, wenn sich jemand aus der Familie das Leben genommen hat, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es sich wiederholt.

In der Schweiz gibt es jeden Tag mehr als 40 Suizidversuche und vier vollzogene Suizide. Jeder Zweite hat jemanden durch Suizid verloren. Das sind ungeheure Zahlen.

Für den Menschen in einer säkularisierten Gesellschaft ist das Leben keine Vorbereitung auf das Jenseits. Es muss sich selbst genügen. Ein Schicksal gibt es nicht. Jeder ist alleine für sein Leben und seine Ausgestaltung, fürs eigene Glück und den eigenen Erfolg verantwortlich. Das ist eine grosse Verantwortung. Nicht alle können sie tragen. Falls man daran scheitert, kann die Niederlage auf niemanden abgeschoben werden.

Warum wird so wenig darüber gesprochen?

Weil niemand auf diese Gespräche Lust hat und die sich widersprechenden Gefühle kaum in vernünftige Sätze zu packen sind. Zwar kann man viel über den Selbstmord lesen, wenn man dann aber selber diese Erfahrung macht, ist man allein. Das ganze Wissen nützt einem nichts und man weiss nicht, worüber man reden soll. Über das Leben des Verstorbenen? Über die Tat? Oder über sich selbst und was nach der Tat mit einem passiert ist? Man will nicht, dass das Leben davor durch dieses eine Ereignis definiert wird. Der Selbstmord stellt die Erinnerung in Frage.

Ihr Erzähler ist gegen eine Bilanzierung des Lebens. Warum?

Ein Selbstmord folgt einer Bilanzierung dessen, was war, was ist und was noch sein könnte. Ich glaube aber, das Leben ist dann erfüllt, wenn man es nicht misst und die Dinge aus sich selbst heraus tut und nicht, weil sie einem Zweck dienen. Wir Zeitgenossen sollen uns immer weiter optimieren. Wir sollen uns fit machen. Effizienz und Tüchtigkeit sind gefordert, und man fragt sich manchmal, wo eigentlich der Rausch, die Ekstase und die Versenkung geblieben sind.

Ihr Roman ruft uns eine andere Lebensform in Erinnerung.

Die Antipoden waren die längste Zeit der Menschengeschichte ein Ort, wo alles möglich, vorstellbar und denkbar war. Utopia ist eine Insel auf den Antipoden. Im Moment ihrer geografischen Entdeckung aber wurde alles unternommen, um ein vollkommenes Ebenbild des bereits Vorhandenen und Vertrauten zu erschaffen. Das Buch ist in diesem Sinne auch eine Elegie, ein Trauergesang, auf all die ungenutzten Möglichkeiten.

Der Erzähler entscheidet sich aber erneut fürs Hamsterrad und die Fortführung seines bisherigen Lebens.

Es ist unsere Hoffnung auf Trost, dass sich doch wenigstens etwas verändern, oder gar zum Besseren wenden müsste. Irgendetwas müsste doch daraus zu lernen sein. Das gäbe dem Selbstmord einen Wert. Man könnte dann sagen, er sei nicht ganz umsonst gewesen. Und damit heisst man die Tat eigentlich gut. Aber ich hoffe doch, dass diese Lektionen auch auf anderem Weg zu machen wären. Und es diese Gewalt nicht braucht.

Zumindest im journalistischen Schreiben wird das Wort Selbstmord vermieden. Sie verwenden es ganz bewusst.

Was sind die Alternativen? Selbsttötung klingt gestelzt, Suizid ist ein Fremdwort und dadurch indirekt euphemistisch, und Freitod empfinde ich als Heroisierung. Die wenigsten Selbstmorde haben etwas mit Freiheit zu tun. Aber gleichgültig, wie man es nennt: Es ist fürchterlich und grausam, jemanden so zu verlieren. Gewalt ist nötig, um das Leben aus dem Körper zu entfernen. Das Wort Selbstmord bringt für mich etwas von diesem Gewaltakt zum Ausdruck.

Bereits 2005 haben Sie sich in Ihrem Theatertext «Alices Reise in die Schweiz» mit dem Thema Selbsttötung auseinandergesetzt. Inwiefern hat die persönliche Erfahrung Ihren Zugang verändert?

Ich hatte damals einen viel kälteren Blick. Es war eine sehr modellhafte Annäherung an das Thema.

Darin ging es in erster Linie um die Sterbehilfe.

Heutzutage wird oft der Grad des Leidens bemüht, um zu entscheiden, ob ein Leben noch lebenswert sei. Das halte ich für gefährlich. Insbesondere, wenn das Leiden der Würde entgegengesetzt wird. Damit werden Kategorien geschaffen, und diese setzen Kranke und alte Menschen unter Druck, sich und andere von dieser würdelosen Existenz und befreien.

Wie bewusst konnten Sie bei der Arbeit an Ihrem Roman zwischen Realität und Fiktion unterscheiden?

Für mich ist das ein falscher Gegensatz. Das eine bedingt vielmehr das andere. Unsere reale Welt folgt den Vorstellungen, die wir uns davon machen. Am Anfang steht immer eine Fiktion. In meiner Literatur geht es nicht um erfundene Geschichten. Sie ist für mich eine Methode, um ein Wissen zu schaffen, zu dem auf keine andere Weise ein Zugang möglich ist, nämlich mittels der Imagination. Und diese ist ein Teil der Realität.