Wenn ich Schweiz sage…

Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute

Focus du 10/02/2011 par Beat Mazenauer

Das poetische Universum ist weit – selbst in einem kleinen Land wie der Schweiz. Vier Sprachen werden hier offiziell gesprochen, hinzu kommen die Dialekte in allen Facetten, und schliesslich die "fünften" Landessprachen. Daraus ergibt sich ein reicher, sich stetig wandelnder Sprachschatz, der hörbaren Ausdruck in einer Audio-Sammlung von Schweizer Lyrik in Originalaufnahmen gefunden hat. Gegen 100 Dichterinnen und Dichter haben Roger Perret und Ingo Starz für ihre poetische Werkschau der Moderne zusammen getragen. Ihr kleines Who is Who der Schweizer Lyrik dokumentiert die Geschichte des lyrischen Vortrags in den letzten Jahrzehnten.

Gleich zu Beginn, in der Frühepoche der Audioaufnahme, begegnen sich die Gegensätze. Mit starker Emphase besingt Regina Ullmann den Dichter "oooh wie schön"! Und Hermann Hesse rezitiert seinen Allzeit-Klassiker "Seltsam im Nebel zu wandern". In diesen beiden Vorträgen wohnt ein demonstratives Pathos inne, das dem poetischen Wort mit Nachdruck Bedeutung verleiht. Das Gedicht soll sich klanglich von der Alltagssprache abheben. Solches Pathos ist unseren heutigen Ohren kaum mehr zuträglich. Die Dichterdämmerung hat längst stattgefunden, die Poesie dringt stärker ins alltägliche Leben ein und befragt es nach eigenen Regeln, anstatt hehr darüber zu schweben.

Diese Differenz, die wie das Resultat einer lyrischen Fortentwicklung der letzten sechzig, siebzig Jahre anmutet, war freilich bereits zu Zeiten von Ullmann und Hesse spür- und hörbar. Der expressionistische Maler und Dichter Otto Nebel verstiess damals lustvoll gegen allen poetischen Hochmut. Seine Rezitation der "Reizrunen gegen Zeitungen" klingt im Ohr der Zuhörer heute wohl vertrauter als zu Nebels Zeiten selbst :

Enten entern Enten 
Enten treten Enten 
Tretenten entern Enten

In Form und Intonation meidet Nebel jeglichen Überschwang und weist sich als einer der Pioniere aus, die heute in der Spoken Word-Bewegung neu zu Ehren kommen. In seiner Nachfolge erzählt Pedro Lenz vo "Vättu hie o Vättu do,/ Vättu esch am Radio cho".

Das Verfahren funktioniert auch in anderen Sprachen, wie Noëlle Revaz mit ihrem "Je suis/je suis suissesse ..." beweist, oder Daniel de Roulet, der den "Nom de bleu" in allen Variationen durchdekliniert. Unter die spielerischen Pioniere reiht sich schliesslich auch der überraschende Tessiner Franco Beltrametti mit seinem zweisprachigen "(everything) (nothing) (a little) ... / (tutto) (niente) (un pò) ein.

Was für subtile Abstufungen und feinste Zwischentöne der lyrische Vortrag erlaubt, demonstriert die CD von Roger Perret und Ingo Starz. Sie gibt Gelegenheit für Begegnungen mit alten Bekannten, dem erwähnten Hesse beispielsweise. Klanglich-rhythmisch in überraschender Verwandtschaft mit ihm tritt die wenig bekannte Bündnerin Luisa Famos, wenn sie ihr Gedicht "Gonda" vorträgt : "Alle sind gegangen."

Solche unverhofften Querbezüge bilden das Salz dieser Edition. So erinnern die 1959 aufgenommenen Gedichte des Brienzer Dichters Albert Streich ("Chindertreumm") unwillkürlich an Beat Sterchi, der ironischerweise seinen insgeheimen Vorläufer anagrammatisch im eigenen Namen trägt. Auch Ernst Eggimann ("wo der Gotthäuf no") reiht sich hier ein.

Überhaupt ist es besonders reizvoll zu hören, wie die Dialektdichtung – entgegen ihrem landläufigen Ruf – sich souverän über die "bluemte trögli" hinweg schwingt und mit einer poetischen Modernität überrascht, der jegliche Patina des hohen Tons abgeht. Deshalb ist es kein Zufall, dass sie bei einer jüngeren Generation von Dichtern – namentlich im poetischen Verbund "Bern ist überall" – wieder hohe Wertschätzung geniesst. Diskreter zwar, ist Mundartdichtung auch in den anderen Schweizer Sprachen ein Thema. Gabriele Alberto Quadri beispielsweise intoniert seine Gedichte im Dialekt des Val Capriasca.

Mit ihren lyrischen Selbstinszenierungen bietet diese Doppel-CD ein schönes Hörerlebnis. Aus dem Chor der vielen guten Rezitatoren ragen einige wenige besonders heraus. Nicolas Bouvier etwa findet eine perfekte Balance zwischen lyrischem Pathos und erzählerischer Gelassenheit. Silja Walter überrascht mit quecksilbriger Lebhaftigkeit, Alberto Nessi oder Philippe Jaccottet tragen ihre offene poetische Form mit vollendetem Timbre vor. Und nicht zu überhören, Nora Gomringer, die ihre Gedichte ebenso flink wie beherrscht vertont.

Natürlich birgt diese Auswahl auch eine Reihe von wenig bis unbekannten Namen, die den Klangraum erweitern. Zu erwähnen ist stellvertretend der Bündner Flurin Spescha. Alle Texte werden auf dieser CD von den Autoren und Autorinnen selbst in ihrer Sprache gelesen. Für das Deutschschweizer Publikum hält ein umfangreiches Booklet die Übersetzungen bereit, nebst Angaben zu Biographie und Aufnahme.

Wenn ich Schweiz sage ... " ist im Kern auch eine Anthologie über Schweizer Befindlichkeiten und Schweizer Themen, über die Schweiz an und für sich, wie sie Eugen Gomringer in seinem Gedicht "schwizer" vortrefflich eingefangen hat :

luege 
aaluege 
zueluege 
nöd rede 
sicher sii 
nu luege 
nüds znäch 
nu vu wiitem 
ruig bliibe 
schwizer sii 
schwizer bliibe 
nu luege

Ihm assistiert Julian Dillier mit einem "Schwyzer Gibät" ("ei franke, zwöi franke… amen vergällt's gott"). Pedro Lenz, Melinda Nadj Abonji und Jurczok 1001 erneuern in Wechselrede zügig den "Rütlirapport". Dragica Raicic schliesslich – sie hat dieser CD den Titel geliehen – hebt die Grenzen innerhalb der Schweizer Lyrik vollends auf :

"wäre schade, rote faden in richtiges deutsch zu sticken, 
wo rohstoffe so selten wie ausländische dichter sind".